Selbstbestimmt, natürlich und legal sterben

Tony Nicklinson, war ein britischer Bauingenieur, der mit 51 Jahren einen Schlaganfall erlitt und fortan im so genannten Locked-in-Syndrom lebte. Kommunikation war nur noch durch Augenbewegungen bzw. mittels eines Computers möglich. Ein Jahr zuvor hatte er eine Patientenverfügung aufgesetzt, in der er lebenserhaltende Maßnahmen ablehnte. Trotzdem musste er sieben Jahre in einem Zustand leben, den er selber als Alptraum bezeichnete.

Sein Wunsch war es, von einem Arzt Sterbehilfe zu erhalten. Dafür klagte er vor dem höchsten britischen Zivilgericht. Sterbehilfe ist in Großbritannien verboten, weshalb er den Prozess verlor. Daraufhin hörte er auf zu Essen und verstarb nach knapp einer Woche eines natürlichen Todes, wie eine seiner Töchter auf Twitter verkündete:

Twitter-Meldung zum Tod von Tony Nicklinson

Bemerkenswert daran ist, die von führenden deutschen Medien (Spiegel, FAZ, DIE WELT, ZEIT ONLINE, Süddeutsche, BILD) übernommene Einschätzung es handle sich um einen natürlichen Tod. Da weder eine Gewalthandlung noch Fremdeinwirkung und auch keine Sterbehilfe vorlag, ist dem zuzustimmen. Selbst die zuständige Polizei hatte keine Veranlassung gesehen sich einzuschalten.

Tony Nicklinson war noch in der Lage gewesen seinen Willen zu äußern und konnte den Nahrungsverzicht durchsetzen. Dass es nur eine Woche dauerte bis er verstarb, deutet daraufhin, dass er schon sehr geschwächt war. In Großbritannien, wie in Deutschland hat jeder Volljährige und Einsichtsfähige das Recht eine Behandlung abzulehnen, auch wenn Ärzte oder Angehörige das als unvernünftig oder selbstschädigend einstufen. Ein Zuwiderhandeln z. B. durch Zwangsernährung, würde in Deutschland den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllen.

Das so genannte Locked-in-Syndrom (engl.; dt. Eingeschlossensein- bzw. Gefangensein-Syndrom) bezeichnet einen Zustand, in dem ein Mensch zwar bei Bewusstsein, jedoch körperlich fast vollständig gelähmt und unfähig ist, sich sprachlich oder durch Bewegungen verständlich zu machen. Quelle: Wikipedia


Der entwickelten Medizintechnik verdanken viele ihre Lebensqualität und häufig ihr Leben überhaupt. Unter anderem ist dadurch die durchschnittliche Lebenserwartung seit 1945 für Männer um viereinhalb und für Frauen um sieben Jahre gestiegen, aber gleichzeitig hat sich auch die Dauer des Sterbens verlängert. Je länger das Sterben aber dauert, desto unerträglicher wird es oft empfunden, mit der Folge, dass sich die Menschen heute mehr vor dem Sterben, als vor dem Tod fürchten und nach Wegen suchen, rechtzeitig, selbstbestimmt und human sterben zu können. Leider werden dabei aus Verzweiflung und Unkenntnis oft gewaltsame Methoden gewählt, bei denen Angehörige oder Helfer traumatisiert werden.

Das Thema Sterbehilfe könnte für weniger Menschen von Bedeutung sein, wenn es eine unvoreingenommene Aufklärung über legale und humane Möglichkeiten gäbe, eine Lebensverlängerung über das gewünschte Maß hinaus zu verhindern. Dies könnte Aufgabe einer Suizidkonfliktberatung sein, die von Organisationen wie dem HVD angeboten werden könnte.

Der Freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (FVNF) ist eine altehrwürdige Weise sein Leben selbstbestimmt und human zu Ende zu führen. Er gewinnt Überzeugungskraft aus der Tatsache, dass man seinen Entschluss währenddessen tagelang überdenken und sogar revidieren kann.

FVNF steht in direktem Gegensatz zu Verhungern und Verdursten, weil der Mensch bei letzterem i. d. R. noch leben will. Am Lebensende auf Nahrung und Flüssigkeit zu verzichten, gilt als natürliche Reaktion. Sie künstlich zuzuführen schadet daher mehr als es nützt. Häufig wird sie eher zur Beruhigung der Lebenden eingesetzt, als zum Wohle der Sterbenden, mit dem Argument: Wir können doch niemanden verhungern und verdursten lassen. Über eine Sonde zugeführte Flüssigkeit kann Durst nicht lindert, weil die Schleimhäute im Mund – wo das Durstgefühl entsteht – dadurch nicht benetzt werden. Statt dessen kann es zu Wassereinlagerungen kommen, die Übelkeit, Erbrechen und Atemnot zur Folge haben. Wird auf die künstliche Flüssigkeitszufuhr verzichtet, werden vom Körper Ketone gebildet, die Müdigkeit und Gelassenheit bewirken. Zudem werden körpereigene Endorphine ausgeschüttet, die Schmerzlinderung und Euphorie zur Folge haben.

Das Wissen um FVNF als eine legale, humane und selbstbestimmte Möglichkeit friedlich das Leben zu beschließen, kann manchem die Kraft geben der letzten Lebensphase furchtlos entgegen zu sehen. Wer sich diese Option offen halten will, sollte vorher mit allen an der Pflege und Versorgung Beteiligten darüber sprechen und die Ernsthaftigkeit und Nachhaltigkeit des eigenen Entschlusses glaubhaft machen. Wichtig ist eine verständnisvolle Begleitung durch Ärzte zu sichern, die bereit sind palliative Unterstützung zu leisten. Da sie nichts tun, um das Sterben zu beschleunigen, sondern nur zum Wohle des Patienten tätig werden, sind sie standesrechtlich unangreifbar.

In einem Spiegel-Interview berichtete der frühere Präsident der Bundesärztekammer Prof. Jörg-Dietrich Hoppe davon, dass seine Schwiegermutter im Alter von 84 Jahren diesen Weg für sich gewählt hatte (sie hatte eine partielle Demenz und einen Tumor, dabei aber noch einen klaren, festen Willen). Sie wurde von ihrem Hausarzt begleitet und beide von Hoppe unterstützt. Er meinte, man habe den Entschluss der alten Dame respektieren müssen. Sicher ist sie so ihren Angehörigen in würdigerer Erinnerung geblieben, als wenn sie sich auf ein langes Siechtum eingelassen hätte.

Die Optimale Patientenverfügung (OPV) des HVD regt an, sich mit dieser Methode vertraut zu machen und das zu dokumentieren. Damit ist dann ein Indiz dafür gegeben, dass der Wunsch so aus dem Leben zu scheiden wohlüberlegt und nachhaltig ist.

Wer sich ausführlich über diese Methode informieren möchte, dem ist das Buch „Ausweg am Lebensende – Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken“ von Boudewijn Chabot und Christian Walther zu empfehlen. Dort werden sehr gründlich und fundiert alle Aspekte dieser Methode erörtert und auch konkrete Erfahrungen damit geschildert.

– Frank Spade