Rezensionen

Rezension des Buches "Ausweg am Lebensende" von Lenamaria Dannenberg-Mletzko. Der Artikel wurde 2010 in der Ausgabe Nr. 3 des Fachbuchjournals  veröffentlicht. Wir danken dem Fachbuchjournal für die Freigabe dieses Artikels.

Eine ältere Frau, die an Krebs leidet, bereits Chemotherapie und Bestrahlung durchgestanden hat, möchte keine weiteren derartigen Maßnahmen, obwohl diese eine geringe Überlebenschance bieten, sondern noch wenige Monate wie gewohnt weiter leben und dann durch Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeitszufuhr innerhalb von Tagen sterben. Arzt, Pflegepersonal und Angehörige werden einbezogen, und ein ruhiger Abschied ist möglich.

Die Schilderung dieses hypothetischen Idealfalls, die ausdrücklich rechtliche und zwischenmenschliche Komplikationen beiseite lässt, steht am Ende des ca. 140seitigen (ohne Anmerkungen, Register und Anhang) Plädoyers für einen selbstbestimmten Weg aus dem Leben, wenn eine andauernde Leidenssituation eingetreten ist, in der keine Besserung zu erwarten ist und die nachvollziehbar aus Sicht des Betroffenen nicht mehr zumutbar ist.

Autoren sind der niederländische Arzt, Psychiater und Sozialwissenschaftler Dr. Boudewijn Chabot aus Haarlem, und der Neurobiologe Dr. Christian Walther, der zuletzt am Physiologischen Institut der Universität Marburg arbeitete. Die von ihnen aufgezeigte Möglichkeit erspart, so Dieter Birnbacher, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Düsseldorf, dem Betroffenen »selbst und anderen eine gewaltsame oder in anderer Weise ausgeprägt aktive Mitwirkung an dem zum Tode führenden Geschehen. Es überbrückt in gewisser Weise die Kluft, die in unserem Kulturbereich seit alters zwischen der spätantiken und der christlichen Auffassung vom guten Sterben bestand: zwischen dem Ideal einer rationalselbstbewussten Gestaltung des Lebens und Sterbens (…) und dem Ideal einer demütig hinnehmenden Haltung dem Leben und Sterben gegenüber, die das Lebensende vertrauensvoll in Gottes Hände legt.«

Chabot legte 2007 die erste Studie in den Niederlanden über vorzeitiges Sterben durch den freiwilligen Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit (nachfolgend wie auch im hier besprochenen Buch »FVNF« genannt) vor. 2.500 Menschen wählten jedes Jahr in den Niederlanden diesen Weg, was 2 % aller Todesfälle ausmache (zum Vergleich: Bei 2,8 % aller niederländischen Todesfälle handele es sich um Tötung auf Verlangen). Chabot untersuchte ungefähr 100 Fälle, im Wesentlichen durch Befragung von Angehörigen, Ärzten und Pflegepersonal.

Wie auch an den im ersten Kapitel vorgestellten vier Fällen von Personen, die durch FVNF ihren vorzeitigen Tod herbeiführten, deutlich wird, handelt es sich um einen keineswegs leichten Weg. Vielmehr bedarf er in verschiedenster Hinsicht sorgfältiger Vorbereitung sowie Unterstützung durch Angehörige, Pflegepersonal und möglichst einen Arzt mit entsprechenden Spezialkenntnissen.

Die ersten vier, von Chabot verfassten Kapitel liefern hierzu ausführliche Darlegungen und Anleitungen, während Walther in den letzten beiden Kapiteln rechtliche und ethische Aspekte beleuchtet. Danach folgt – etwas unpraktisch und zudem nicht durchgängig sondern kapitelweise nummeriert – der Anmerkungsapparat, ein beachtliches Literaturverzeichnis, Anhang sowie Sach- und Personenregister.

Die Lektüre der sehr detaillierten medizinischen und technischen Informationen über den Sterbevorgang bei FVNF, die genauen Ratschläge über die richtige Mundpflege zur Vermeidung von Hunger- und Durstgefühl, die erforderliche Medikation gegen Panikattacken, Schlafstörungen, Schmerzen, den Umgang mit Zahnprothesen und die leihweise Beschaffung einer Dekubitus-Matratze, das alles erzeugt ein Gefühl des Befremdens: Hier wird eine Sterbetechnik vermittelt. Man möchte das Buch schließen mit dem Ausruf: Muss das sein, brauchen wir das? Stellt man sich dem Problem aber gedanklich, kommt man doch zu dem Schluss: Vielleicht nicht, aber es könnte sein, jeder von uns könnte doch in eine Situation kommen, in der FVNF eine humane Alternative ist, eine Möglichkeit, das Unabänderliche in größtmöglicher Autonomie zu bewältigen.

Der von den Autoren vorgeschlagene »Ausweg am Lebensende« ist wie gesagt beschwerlich. Aber er bietet noch lange, nachdem man sich dafür entschieden hat, mittels Wiederaufnahme kleiner Flüssigkeitsmengen die Möglichkeit der Verzögerung oder auch der völligen Umkehr. Deshalb dürften auch »diejenigen, welche den Sterbenden beraten und begleiten, sich in hohem Masse sicher sein (…), dass es sich hier nicht um eine Kurzschlusshandlung handelt, sondern jemand eine freiverantwortliche Entscheidung verwirklicht. Es bedarf nämlich einer gewissen konstanten Willensfestigkeit, um FVNF zu vollziehen, und somit wird im eigentlichen Sterbevorgang die Ernsthaftigkeit des Sterbewunsches auf den Prüfstand gestellt.«

Dass nur eine freiverantwortlich (im Sinne des Strafrechts) getroffene Entscheidung zum FVNF straflos unterstützt werden kann, betonen die Autoren immer wieder. Anderenfalls sei strafbare unterlassene Hilfeleistung gegeben. Empfohlen wird die Beratung durch einen erfahrenen Psychotherapeuten. Zu den empfohlenen rechtlich-organisatorischen Vorkehrungen gehören die Abfassung einer Vorsorgevollmacht und einer »Modifizierung der Garantenpflicht«. Damit ist eine Art Patientenverfügung gemeint, die neben der Darlegung der Entscheidung zum FVNF diejenigen Personen (»Garanten«), die »laut Gesetz eine besondere Verantwortung gegenüber einem Angehörigen und/oder einem Patienten für den Erhalt seiner Gesundheit und seines Lebens tragen«, beispielsweise Angehörige oder behandelnde Ärzte, von ihrer Fürsorgepflicht entbindet. Im Anhang des Buches wird dazu ein Muster bereit gestellt.

Wenn der Sterbewillige seine Entscheidung für FVNF eindeutig dokumentiert hat und an seiner Einwilligungsfähigkeit bzw. Freiverantwortlichkeit keine Zweifel bestehen, darf gegen seinen Willen keine Zwangsernährung durchgeführt werden bzw. würde den Straftatbestand der Körperverletzung erfüllen. Durch die schriftliche »Modifizierung der Garantenpflicht« soll verhindert werden, dass eine künstliche Ernährung dennoch veranlasst wird, sobald der Sterbewillige nicht mehr einwilligungsfähig ist und/oder das Bewusstsein verloren hat.

Am Ende des von ihm verantworteten Teils befasst sich Chabot mit der Vertretbarkeit des Verzichts auf künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr bei nicht mehr einwilligungsfähigen Patienten. Die hier zitierten Forschungsergebnisse sind übrigens auch von allgemeinem Interesse im Hinblick auf die rund 100.000 jährlichen Fälle, in denen in Deutschland nicht nur vorübergehend eine Magensonde gelegt wird. Es habe sich nämlich gezeigt, dass diese Maßnahme meistens nutzlos sei und nicht zu einer Erhöhung des Wohlbefindens führe.

Vor allem in Kapitel fünf werden die rechtlichen Aspekte – bezogen auf Deutschland – untersucht. »Aus rechtlicher Sicht stellt sich FVNF als eine Selbsttötungshandlung (Suizid) dar«, stellt Walther zunächst fest. Angesichts des Fehlens strafgesetzlicher Regelungen zur Suizidproblematik bestünden rechtliche Grauzonen und teilweise diametral gegensätzliche Rechtsauffassungen. Beihilfe zum Suizid sei in Deutschland straffrei. Die strafrechtliche Einordnung von Unterstützungshandlungen bzw. das Unterlassen einer Rettung des Suizidenten dagegen sei abhängig von dessen Freiverantwortlichkeit, der Tatherrschaft.

Problematisiert wird insbesondere die Rolle des Arztes, der den Sterbewilligen bei der Verwirklichung von FVNF unterstützt. Fehle es an der Ursächlichkeit des ärztlichen Handelns für den Tod, einer auf den Arzt übergegangenen Tatherrschaft bzw. unterlassener Hilfeleistung, liege kein strafbares Verhalten vor. Die Sichtweise des ärztlichen Standesrechts, insbesondere die Position der Bundesärztekammer sei zu hinterfragen. 2006 habe der Deutsche Juristentag an Stelle der ausnahmslosen standesrechtlichen Missbilligung des ärztlich assistierten Suizids eine differenzierte Beurteilung gefordert, die in Einzelfällen eine auch ethisch vertretbare Form der Sterbegleitung toleriere. Im Übrigen sei die von Chabot und Walther vorgeschlagene Mitwirkung des Arztes keine »ursächliche« sondern eine begleitende Mitwirkung, so dass nicht von ärztlich assistiertem Suizid gesprochen werden solle.

Dass die angestrebte Tätigkeit des Arztes mit »palliative care« gleichgesetzt wird, dürfte zumindest in solchen Fällen auf Widerspruch stoßen, in denen der Patient sich bei Beginn des FVNF nicht in einem weit fortgeschrittenen Stadium einer unheilbaren und progredienten Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung befindet, in dem hauptsächlich medizinische Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der Lebensqualität indiziert sind.

Auf weitere ethische Überlegungen geht Walther im letzten Kapitel nur sehr knapp ein und verweist zu Recht auf die hierzu reichlich vorhandene Literatur.

Trotz der schwerwiegenden Problematik liest sich diese sorgfältig redigierte Abhandlung äußerst flüssig. Sie eröffnet einen den meisten Lesern wohl bisher unbekannten Aspekt und ist ein wichtiger Beitrag zum Thema »Wie wollen wir sterben?« Ein lesenswertes, aufwühlendes Buch, das wahrscheinlich erregt, hoffentlich aber rege debattiert werden wird.