Plädoyer für das Sterbefasten

Ich möchte sterben!

Nein, nicht jetzt gleich, aber dann doch, wenn ich es für richtig halte.

Ich weiß noch nicht, wann das soweit sein wird, aber wie weit sich die Qualität meines Lebens verschlechtert haben muss, damit ich es will. Zum Beispiel, wenn man mir keine Extrawurst braten will, weil ich keine Wurst esse, denn ich lebe vegan und möchte das nicht für die gefühllose Routine einer Pflegeeinrichtung aufgeben müssen. Oder wenn ich morgens nicht mehr joggen kann, oder niemand mich mehr braucht um ihm mit etwas zu helfen.

Keine Angst, ich werde mir keine Gewalt antun und ich werde niemanden mit meinen sterblichen Überresten traumatisieren. Stattdessen möchte ich, wenn es soweit ist, Menschen um mich haben, die meinen Wunsch zu gehen respektieren und mir helfen die letzten Tage angenehm zu gestalten.

Wenn nötig soll mich ein Arzt palliativmedizinisch begleiten, damit ich an einer etwaigen Erkrankung nicht zu sehr leiden muss. Ich will nicht plötzlich gehen, sondern ganz langsam und friedlich. Ich möchte dabei mein Sterben genießen, so gut es geht.

Darum werde ich das tun, bzw. unterlassen, was Menschen seit ewigen Zeiten getan haben, wenn sie ihr Leben oder Leiden nicht mehr aushalten konnten oder wollten. Ich werde aufhören zu essen und zu trinken. Diese Vorstellung mag manchen zunächst erschrecken, weil das Sterben soweit aus unserem Leben verdrängt ist, dass wir so gut wie nichts über das gute und selbstbestimmte Sterben erfahren. Stattdessen wird von Ärzten, die es eigentlich besser wissen sollten, fast reflexartig eine künstliche Ernährung gelegt, wenn Menschen im Sterben oder Endstadium einer unheilbaren tödlich verlaufenden Krankheit auf Nahrung und Flüssigkeit verzichten; vielleicht weil sie intuitiv wissen, dass sie es nicht mehr brauchen. Ich möchte dann dem behandelnden Arzt klar und unmissverständlich sagen können, dass ich das nicht haben will. Zur Sicherheit habe ich eine Patientenverfügung, die das untersagt, wenn ich es selber nicht mehr kann, und Bevollmächtigte, denen ich vertraue und zutrauen kann, meinen Willen durchzusetzen. Ich werde nicht so lange warten, wie Walter Jens, aber auch nicht so früh gehen, wie Gunter Sachs.

Dieses Leben ist mir kostbar und ich möchte es erst beenden, wenn es für mich keinen Sinn mehr macht. Dabei ist mir wichtig eine Methode zu haben, die ich auch noch nutzen kann, wenn mir andere Möglichkeiten nicht mehr offen stehen. Diese Methode ist das Sterbefasten. Es kann – je nach Grunderkrankung – ein bis zwei Wochen dauern, wobei ich mich noch relativ lange umentscheiden kann. Darin sehe ich einen großen Vorteil gegenüber anderen Methoden. Daneben kann ich durch mein fortgesetztes Fasten, denen die mich begleiten, die Ernsthaftigkeit meines Vorhabens zeigen.

Natürlich werde ich Durst bekommen, wenn ich nichts mehr trinke, doch entsteht der in meinem Mund, weil meine Schleimhäute austrocknen. Also werde ich regelmäßig meinen Mund mit Wasser ausspülen, es aber nicht herunterschlucken. Wenn ich das nicht mehr selber kann, werde ich darum bitten, dass man mir gute Mundpflege und ‑befeuchtung zukommen lässt.

Auch vor dem Hunger fürchte ich mich nicht, denn ich weiß von früherem Fasten, dass der nach dem ersten Tag ausbleibt. Eine Fastenregel besagt, man solle erst wieder anfangen zu essen, wenn der Hunger wiederkommt. Das werde ich dann aber nicht mehr erleben. Stattdessen wird mich der ansteigende Harnstoff im Blut müde machen, bis ich nicht mehr aufwache. Das stelle ich mir sehr friedlich vor und entspricht im Ende dem, was sich viele Menschen wünschen.

Ich möchte die letzten Tage in einer Umgebung sein, wo meine Wünsche respektiert werden und Menschen um mich sind, die Zeit für mich haben, wenn ich es möchte. Wenn es mir vergönnt ist die letzte Zeit mit Angehörigen zu verbringen, möchte ich ihnen meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, dafür, dass wir zusammen gelebt haben und sie nun für mich da sind. Diese Zeit möchte ich mit ihnen froh und denkwürdig gestalten. Ich bin mir sicher, dass ich ihnen so in besserer und würdigerer Erinnerung bleibe, als wenn ich durch lebenserhaltende und lebensverlängernde medizinische Maßnahmen über den Punkt am Leben erhalten würde, an dem ich mich noch angemessen von ihnen verabschieden kann.

– Frank Spade